Interview als Methode: Arten, Leitfaden & Auswertung
Wenn du verstehen willst, warum Menschen bestimmte Dinge tun, denken oder fühlen, sind Interviews die Methode der Wahl. Im Gegensatz zu Umfragen erlauben sie tiefe Einblicke in Perspektiven, Erfahrungen und Motive. Du kannst nachfragen, Zusammenhänge erforschen und Nuancen erfassen, die ein standardisierter Fragebogen nie abbilden könnte. Gleichzeitig sind Interviews anspruchsvoll: Die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung erfordern methodisches Know-how und Fingerspitzengefühl. In diesem Artikel erfährst du, welche Interviewarten es gibt, wie du einen professionellen Leitfaden erstellst und wie du deine Interviews systematisch auswertest.
Interviewarten im Überblick
Es gibt nicht das eine Interview. Je nach Forschungsfrage, Zielgruppe und Erkenntnisinteresse kommen unterschiedliche Interviewarten infrage. Die wichtigsten Typen unterscheiden sich vor allem im Grad der Strukturierung und im Erkenntnisziel. Die folgende Tabelle gibt dir einen Überblick über die gängigsten Interviewarten und ihre typischen Einsatzgebiete.
| Art | Struktur | Einsatz |
|---|---|---|
| Strukturiert | Alle Fragen und ihre Reihenfolge sind vorab festgelegt | Wenn du vergleichbare Antworten von vielen Personen brauchst und die Auswertung standardisiert erfolgen soll |
| Semistrukturiert | Leitfaden mit offenen Fragen, flexible Reihenfolge und Nachfragen möglich | Die häufigste Form in Abschlussarbeiten – ideal, wenn du gezielt Themen ansprechen, aber offen für Unerwartetes sein willst |
| Narrativ | Kaum Struktur, offene Erzählaufforderung | Wenn du biografische Erfahrungen oder persönliche Geschichten in ihrer ganzen Tiefe erfassen willst |
| Experteninterview | Semistrukturiert mit Fokus auf Fachwissen | Wenn du spezialisiertes Wissen von Fachleuten zu einem bestimmten Thema erheben willst |
Leitfaden erstellen
Der Interviewleitfaden ist dein wichtigstes Werkzeug im Gespräch. Er gibt dir Sicherheit und Struktur, lässt aber gleichzeitig Raum für spontane Vertiefungen. Ein guter Leitfaden ist keine starre Frageliste, sondern ein flexibles Gerüst. So gehst du bei der Erstellung vor.
- Themenblöcke aus der Forschungsfrage ableiten – Überleg dir, welche Aspekte deines Themas du im Interview abdecken musst, und gruppiere sie in drei bis fünf thematische Blöcke.
- Offene Fragen formulieren – Jede Frage sollte so formuliert sein, dass sie zum Erzählen einlädt. Statt „Finden Sie X gut?" fragst du „Wie erleben Sie X?" oder „Können Sie mir von einer Situation erzählen, in der...?".
- Nachfragen und Vertiefungsfragen notieren – Überlege dir für jede Hauptfrage, welche Nachfragen sinnvoll sein könnten. Das können konkretisierende Fragen sein wie „Können Sie das genauer beschreiben?" oder kontrastierende wie „Gibt es auch Situationen, in denen das anders ist?".
- Einstieg und Abschluss planen – Beginne mit einer leichten, erzählgenerierenden Frage, die den Einstieg erleichtert. Am Ende gibst du die Möglichkeit, noch etwas Wichtiges zu ergänzen, das nicht angesprochen wurde.
- Pretest durchführen – Teste den Leitfaden in ein bis zwei Probeinterviews. Achte darauf, ob die Fragen verständlich sind, ob der Gesprächsfluss stimmt und ob die geplante Dauer realistisch ist.
Auswertung
Die Auswertung qualitativer Interviews ist der arbeitsintensivste Teil des Prozesses. Zunächst musst du deine Interviews transkribieren – also das Gesprochene in Schriftform bringen. Dabei entscheidest du, wie detailliert du transkribierst: Wort für Wort mit allen Füllwörtern und Pausen, oder geglättet in lesbares Hochdeutsch. Die Wahl hängt von deiner Auswertungsmethode ab. Für die eigentliche Analyse gibt es verschiedene Verfahren. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist in deutschsprachigen Arbeiten besonders verbreitet. Du bildest Kategorien – entweder deduktiv aus der Theorie oder induktiv aus dem Material – und ordnest die Textpassagen diesen Kategorien zu. Software wie MAXQDA oder Atlas.ti unterstützt dich dabei. Alternativ kannst du die Grounded Theory nutzen, bei der du Theorien direkt aus den Daten entwickelst, oder eine thematische Analyse durchführen, bei der du übergreifende Muster und Themen identifizierst. Unabhängig von der Methode gilt: Dokumentiere dein Vorgehen transparent und nachvollziehbar. Zeige in deiner Arbeit, wie du von den Rohdaten zu deinen Ergebnissen gekommen bist.
Fazit
Interviews sind eine kraftvolle Methode, um Erfahrungen, Perspektiven und Motive in ihrer Tiefe zu erfassen. Die Wahl der richtigen Interviewart, ein durchdachter Leitfaden und eine systematische Auswertung sind die Schlüssel zum Erfolg. Der Aufwand ist höher als bei einer Umfrage, aber die Erkenntnisse sind oft reichhaltiger und differenzierter. Wenn du die Grundlagen beherrschst und dich gut vorbereitest, wirst du feststellen, dass Interviews nicht nur methodisch wertvoll, sondern auch persönlich bereichernd sein können.