Zeitformen in wissenschaftlichen Arbeiten: Welche Zeitform wo verwenden?

Zeitformen in wissenschaftlichen Arbeiten: Welche Zeitform wo verwenden?

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David BorgerGründer & CEO

Präsens, Präteritum oder Perfekt – welche Zeitform ist in welchem Teil deiner wissenschaftlichen Arbeit die richtige? Die Wahl der Zeitform ist kein Zufall, sondern folgt einer Logik, die sich aus der Funktion des jeweiligen Textabschnitts ergibt. Wer die Zeitformen richtig einsetzt, schreibt nicht nur grammatisch korrekt, sondern auch klarer und verständlicher.

Die wichtigsten Zeitformen und ihre Funktionen

In wissenschaftlichen Arbeiten kommen vor allem drei Zeitformen zum Einsatz: Präsens, Präteritum und – seltener – Perfekt. Jede hat ihren spezifischen Anwendungsbereich, und der Wechsel zwischen den Zeitformen signalisiert dem Leser, auf welcher Ebene du dich gerade bewegst: allgemeine Theorie, vergangene Handlungen oder aktuelle Schlussfolgerungen.

ZeitformVerwendungBeispiel
PräsensAllgemeingültige Aussagen, Theorien, eigene Argumentation, Beschreibung des Aufbaus„Die Studie zeigt, dass..." / „Kapitel 3 beschreibt..."
PräteritumBeschreibung der eigenen Vorgehensweise, historische Ereignisse, abgeschlossene Studien„Die Daten wurden im Mai 2025 erhoben." / „Müller (2019) untersuchte..."
PerfektAbgeschlossene Handlungen mit Gegenwartsbezug, mündliche Stilebene„Die Studie hat gezeigt, dass..." (eher umgangssprachlich)
Konjunktiv IIndirekte Rede, Wiedergabe fremder Positionen„Müller argumentiert, die Ergebnisse seien nicht generalisierbar."
Konjunktiv IIIrreale Bedingungen, hypothetische Aussagen„Wäre die Stichprobe größer gewesen, hätten sich..."

Zeitformen in den einzelnen Kapiteln

In der Einleitung verwendest du Präsens, um das Thema vorzustellen, die Relevanz zu begründen und den Aufbau der Arbeit zu beschreiben. „Die vorliegende Arbeit untersucht..." – Präsens, weil die Arbeit in diesem Moment vor dem Leser liegt. Im Theorieteil dominiert ebenfalls das Präsens, wenn du allgemeingültige Theorien und den aktuellen Forschungsstand darstellst. „Die Theorie besagt, dass..." – das ist eine generelle Aussage, die unabhängig von der Zeit gilt. Wenn du über konkrete Studien aus der Vergangenheit berichtest, wechselst du ins Präteritum: „Müller (2019) untersuchte den Zusammenhang zwischen..." Im Methodenteil verwendest du konsequent Präteritum, weil du über abgeschlossene Handlungen berichtest: „Es wurden 150 Probandinnen und Probanden rekrutiert." „Die Daten wurden mittels eines standardisierten Fragebogens erhoben." Im Ergebnisteil stehen die Resultate im Präteritum oder im Präsens, je nach Konvention. „Die Analyse ergab einen signifikanten Unterschied" (Präteritum) oder „Tabelle 3 zeigt die Ergebnisse" (Präsens). Beides ist üblich. In der Diskussion und im Fazit kehrst du zum Präsens zurück, wenn du deine Ergebnisse interpretierst und Schlussfolgerungen ziehst: „Die Ergebnisse legen nahe, dass..."

Beispiel
Einleitung (Präsens): „Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von Schlafqualität auf die akademische Leistung." Theorie (Präsens + Präteritum): „Die Kognitionspsychologie geht davon aus, dass Schlaf die Gedächtniskonsolidierung fördert. Walker (2017) zeigte in einer Metaanalyse, dass..." Methode (Präteritum): „Die Stichprobe umfasste 85 Studierende, die über einen Zeitraum von vier Wochen beobachtet wurden." Fazit (Präsens): „Die Ergebnisse bestätigen den erwarteten Zusammenhang und legen nahe, dass..."

Der Konjunktiv in der indirekten Rede

Ein Sonderfall, der in wissenschaftlichen Arbeiten besonders wichtig ist: die indirekte Rede. Wenn du die Aussagen anderer Autorinnen und Autoren wiedergibst, ohne sie wörtlich zu zitieren, solltest du den Konjunktiv I verwenden. Damit signalisierst du, dass es sich um eine fremde Behauptung handelt, die du wiedergibst, ohne sie dir zu eigen zu machen. „Müller (2020) argumentiert, die Ergebnisse seien nicht auf andere Kontexte übertragbar." Der Konjunktiv „seien" zeigt: Das ist Müllers Position, nicht deine. Wenn der Konjunktiv I mit dem Indikativ identisch ist (was bei vielen Verbformen der Fall ist), weichst du auf den Konjunktiv II aus: „Die Autoren behaupten, sie hätten (statt: haben) einen neuen Ansatz entwickelt."

Achtung
Vermeide den Wechsel der Zeitformen innerhalb eines Absatzes, wenn kein inhaltlicher Grund vorliegt. Inkonsistente Tempuswechsel sind ein häufiger Fehler, der den Lesefluss stört und Unsicherheit signalisiert. Wenn du zwischen Präsens und Präteritum wechselst, sollte der Wechsel funktional begründet sein.

Fazit

Die Wahl der Zeitform in wissenschaftlichen Arbeiten folgt einer klaren Logik: Präsens für allgemeingültige Aussagen und eigene Argumentation, Präteritum für die Beschreibung der eigenen Vorgehensweise und abgeschlossener Studien, Konjunktiv I für die indirekte Rede. Achte auf Konsistenz innerhalb der einzelnen Kapitel und wechsle die Zeitform nur, wenn der inhaltliche Kontext es erfordert. Tools wie myessay.io können dir helfen, inkonsistente Tempuswechsel in deinem Text zu erkennen.

Häufig gestellte Fragen